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Blick vom Schlossplatz Stuttgart auf Dach-Silhouette mit goldener Merkur-Statue

 

Auf der Königstraße sprechen mich zwei junge Damen/Mädels an, höchstens 25 Jahre alt: 'Gibts die Buttons noch?' und sie meinen den Anstecker 'OBEN BLEIBEN'. Ihre Geschichte bekäme auf Schwäbisch vielleicht diesen Titel:

Nicht unbedingt Heimat, aber
'mei längschts Denke'

Jedenfalls kommen sie ins Erzählen, ich höre zunehmend fasziniert zu, sie reden perfekt hochdeutsch, die ältere beginnt:

Ich bin nicht hier geboren. Mit sechs kam ich her. Kann mich aber genau daran erinnern, wie beeindruckend das war. Hier, in Stuttgart, nicht die große Stadt. Der riesengroße Bahnhof. Da hab ich gestaunt, damals, mit sechs Jahren.

Und ich bin sogar hier zur Welt gekommen, aber den Bahnhof, den kenn ich solang ich denken kann. Was wir hier Zeit verbracht haben! Eine gute Zeit meistens. Die Verwandtschaft war groß, ist es immer noch. Damals kam noch keiner mit dem Auto, mit dem Flugzeug schon gar nicht. Der Stuttgarter Bahnhof, mit all den häßlichen Ecken, die er auch hat, ist für mich so richtig der wichtigste Teil meiner Kindheit.

Das können die uns doch nicht einfach so einreissen. Was sagen denn Sie, Sie sind doch richtiger Deutscher?

(mir fehlen die Worte)

Ich kann kaum mal zu den Demos kommen, denn ich arbeite fast jeden Abend. Aber ich red mit den Leuten. Da ist ja kaum einer dafür, dass der alte Bahnhof weg sollte. Warum auch, der funktioniert doch.

Ah, sorry, ich krieg grad ne SMS, wir müssen weiter, wir schaun dann mal an der Mahnwache nach den Buttons.

 

Blick vom Schlossplatz Stuttgart auf Silhouette zwischen Altem Schloss und Buchhandlung Wittwer

 

In der S-Bahn spricht mich ein 15-Jähriger an 'Oh Mann, so nen Button brauch ich noch', sagt aber gleich dazu:

Ich bin aber eigentlich für das 21

Sein Kumpel sitzt anfangs demonstrativ uninteressiert daneben, als ich aber frage, was sie mit 'das 21' genau meinen, Trasse oder Bahnhofsmodernisierung oder Bahnhofstieferlegung, redet auch er ein bisschen, mehr aber der, dem ich den Parkschützer-Anstecker gegeben habe:

Na, den Neubau mein ich, dass da mal ein gescheiter Bahnhof gebaut wird. Ein Tiefbahnhof. Weil, da gibts ja Geld dafür, und das Geld kommt nicht, wenn da nicht gebaut wird.

Und die Hälfte von dem Geld ist ja schon bezahlt, also das musste ja wohl im voraus bezahlt werden, und wenn die Bahn jetzt S21 abbricht, dann ist das halt futsch, das Geld. Die Kopfbahnhof-Demonstranten, die wollen also, dass uns hier Milliarden kaputt gemacht werden.

Und außerdem will ich auf keinen Fall, dass SOLCHEN Leuten, die Morddrohungen rausgeben, dass denen nachgegeben wird. Die Regierung und die Bahn, denen wird täglich mit Mord gedroht wegen Stuttgart 21. Und allein schon deshalb sollte man da ganz besonders hart bleiben und solchen Leuten auf gar keinen Fall nachgeben.

Und dann ja auch: was soll das, dass die Demonstranten jetzt erst daher kommen, hätten die das mal gemacht, als S21 in der Planung war, aber doch nicht jetzt, wo der Umbau schon angefangen hat.

(dann die Pause, wo die beiden sozusagen mir das Wort erteilen. Auf welche ihrer Behauptungen soll ich eingehen, oder sind es Provokationen? ich entschließe mich, persönliches zu erzählen: Wenn ich Bahn fahre, dann halt nach Karlsruhe oder Horb oder so. Da bin ich zehn Minuten vor Abfahrt am Kopfbahnhof, kann meistens schon einsteigen, das will ich so behalten, das geht nur wegen der 16 oder 17 Gleise, ein achtgleisiger Tiefbahnhof ist, was meine Bedürfnisse angeht, ein Rückschritt. Natürlich will ich, dass der Bahnhof renoviert wird, und natürlich werde ich wegen sowas niemals an Morddrohungen denken, oder traut ihr mir das zu?)

Ja aber das kam ja im Fernsehen, da gibt es solche, vielleicht sind das die Piraten, weiß nicht genau, aber die sagen das, dass sie gegen den Neubau sind und dass sie dann alles kaputt machen, wenn der Neubau kommt, also nicht nur die Regierung umlegen, dass sie auch den neuen Bahnhof, irgendwie, also jedenfalls, denen darf man nicht nachgeben. Also, dass ein paar Leute den Park erhalten wollen, also den direkt am Bahnhof, das versteh ich ja noch. Ist ja wirklich ein schöner Park dort. Aber dass man da mit Mord kommt, da sag ich: jetzt erst recht.

Und wenn die Züge nicht mehr so lange im Bahnhof stehn, dann muss man sich halt ein bisschen beeilen.

(nochmal Pause, in die hinein ich frage: und fahrt ihr meistens mit der S-Bahn, oder auch mal mit dem Regionalzug?)

Zug? Wir? Die S-Bahn ist doch schon bummelig genug. Nee, Zug bin ich noch nie gefahren. Aber ich weiß, dass die S-Bahn dann auch schneller wird, wenn S21 kommt, weil da wird ja dann alles schneller.

(ich bin jetzt soweit, dass ich frage, woher sie genau ihr Wissen haben, und wieso sie diesen Quellen glauben, aber ein weiterer Kumpel taucht auf, es werden SMSe vorgelesen, das Gespräch mit mir ist beendet.) Damals, in der S-Bahn, rätselte ich, welche Argumentationsfetzen die Jungs mir aus reiner Provokation an den Kopf warfen, und welche so etwas wie ihre Meinung widerspiegeln? Haben sie von 'den Erwachsenen' womöglich dies gelernt: 'Argumente' sind das, was Fernsehen und Internet in unerschöpflicher Zahl zur Verfügung stellen, und jeder bedient sich daran, wie es ihm grad in den Wortschwall passt? 'Meinung' darf also nicht mit Nachdenken oder gar Herausfinden zusammenhängen. Es geht um 'Talk' und 'Show'?

Inzwischen vermute ich den Zusammenhang zum flotten Spruch über bummelige Züge so, dass die Jungs (und teilweise ihre Familien) gar nicht das Geld haben, mal mit dem Zug ein Stück raus zu fahren. Aberwitz: die Tieferlegungs-Politik versenkt Milliarden in unnötigsten Baugruben, bedient dabei reichlich großverdienende Vetterle, spart Geld ein bei Wenigverdienern und in der Bildung, und unter denen, die es trifft, sind manche besonders gierig auf einfache plakative Sprüche für dieses Gegenteil von Sozialpolitik.

Frage an 'uns': Wie stellen wir den Zusammenhang zu Bildungsmisere/Schulpolitikdesaster (besser) her? Schaffen wirs, dass unsere Bewegung so weiter lebt, dass sie eben auch eine Bildungspolitik durchsetzt, die diesen Namen verdient?

 

Ausschnit des Schlossplatz zur Buswendeplatte hin

 

In einem der ganz kleinen Second Hand 'und mehr' Läden, die in Stuttgart sich halten wie kaum in einer anderen Großstadt, kam es zu ungefähr diesem Verkaufsgespräch zwischen Verkäuferin und Kundin:

Was dem "outdoor" d' Rang ablauft

Sie suchen eine Winterjacke?

Ja ich weiß gar nicht, das heißt heutzutage vielleicht eher Outdoor-Jacke oder so.

Nun, wenn Sie wollen, dass die Kleidung funktional-sportlich ist und auch so aussieht, da kriegen wir gebraucht nicht gar so viel rein. Aber wir passen ja auch an, und können Ihnen auch einen sportlicheren Schnitt schneidern, wenn Sie das wüschen.

Ja nein, das ist es ja grade, ich will nicht ausschaun als käme ich vom Kajakfahren, aber trotzdem sollte die Jacke auch einigermaßen Wasser abhalten.

Wissen Sie was, da nehmen Sie doch das Modell, das ich selber anhabe.

Das sieht aber eher schick aus, gar nicht wie eine Regenjacke.

Genau deshalb hatte ich es ja im Schloßgarten an, es war ja kein Regenwetter, an diesem Donnerstag, und ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass der Wasserwerfer mich dort erwartet, und er hat mich voll erwischt. Durchnäßt bis auf die Knochen war ich, von oben bis unten. Nur unter dieser Jacke, da blieb der Pullover so gut wie trocken.

Das ist ja dann noch besser als 'outdoor', das ist ja sogar 'Stuttgart-tauglich'. Kann ich die mal anprobieren?

 

Blick auf einen Schlossplatz voller Demonstranten

 

 

Blick aus Schlossgarten voller Demonstranten zum Planetarium hin

 

 

Blick aus Schlossplatzmitte zum obren Teil der Kunstmuseum-Treppen

 

In einer Besenwirtschaft, zwischen Schwäbischem Wald und Bottwartal, unterhalte ich mich mit Tischnachbarinnen über Rezepte. Auch sie kennen die Maultaschen des Frühsommers, in die natürlich 'Wengertröhrle' hinein gehören. Das Wort 'Stuttgart' oder 'Bahnhof' fällt nicht. Als die Damen gehen, dreht sich eine nochmal um und sagt mir:

Wege was

Wege was drücket dia en Schtuagrt jetzt mit aller Gwalt den Tiafbo'hof durch? Wisset Se, sogar dia moischte an d' Regierung, di' wollet des doch gar nemmeh. Awr di' hännt jetzt so a Angscht, 's Gsicht zom verliere, und vielleicht no 's Pöschtle wo drannehangt. Des wird, wann mr genau noguggt, 's oinzige sei, was do d'hintr schteckt.

 

Blick aus Schlossplatzmitte zum unteren Teil der Kunstmuseum-Treppen

 

 

abendBlick entlang Kunstmeile zu Demonstranten zwischen Charlottenplatz und Landesbibliothek

 

Ein Wohngebiet nahe der Stadtmitte, typisch stuttgarterisch von einer Tempo-50-Straße durchschnitten. Flankiert von einem Fahrbahnrand, der uns deutlich ansagt, dass Fußgänger hier nun wirklich nicht zu überqueren haben. Die hiesigen Straßenbauer sind da erfinderisch: Cotaneasterhecke am besonders hohen Bordstein, Warnschilder "Fußgängerunfall", nicht etwa "gefährliche Autos", Schlammpfützen. Zwei sehr seriös gekleidete Herrschaften queren trozdem die Fahrbahn, in aller Ruhe, erreichen in meiner Nähe den Gehweg; sie sagt in selbstbewusstem Ton zu ihm:

"Onser Schtrooss"

 

abendBlick entlang Kunstmeile zu Demonstranten zwischen Landesbibliothek und Staatsgalerie

 

 

Blick aus Schlossplatzmitte zu Demonstranten vor dem Koenigsbau

 

Du kennst ja diese U-Bahn-Haltestellen, die zu Stuttgart gehören wie der Geschmacksverstärker zu den Reisgerichten, die es nahe ebendieser Hochbahnsteige als Mittagstisch gibt. Allein schon, dieser breitergelegten Straßenbahn den Titel "U-Bahn" zu geben, läßt dich rätseln: Haben die Straßenbahner unbedingt konkurrieren wollen mit Metropolen wie Paris oder Bukarest, wo die U-Bahn tatsächlich im ganzen Stadtbereich unter der Erde fährt? Haben die Stuttgarter Honoratioren nicht mal soviel Selbstbewußtsein, zu ihren eigenen Öffis zu stehen, die ja eine gute Straßenbahn-Tradition haben, naja, hatten.

An einem Februar-Spätnachmittag, der DB-Aufsichtsrat hat grad mal wieder zwei Milliarden Mehrkosten abgenickt, stehst du an einer dieser U-Bahn-Halbhochbahnsteige, die sich, typischerweise am Rande der Innenstadt, wie eine aufgequollene Verkehrsinsel in eine sechsspurige Ausfall-Straße einklemmen; sie zwingen jeden, bevor er die Bahn nutzen kann, minutenlang an den Fußgängerampeln der verkehrsreichsten Kreuzungen in einem Höllenlärm zu warten. Drum herum Bürokomplexe oder Tanke-Autohaus-Waschanlage oder Bau-Media-Möbel-Garten-Supermärkte mit dazwischen gezwängten Imbissen und Diskos; wenn dich jetzt jemand nach dem Weg fragt, müsstest du kurz nachdenken, ob das hier Cannstatt, Feuerbach, Wangen oder Untertürkheim ist.

Du hast die Uhrzeit erwischt, wo aus den Büros nicht mehr viele rauskommen, und noch nicht viele der Happy Party Crowd zu den Schnellfresstheken und Dancefloors strömen. Deshalb bemerkst du sofort das bemüht spöttische Grinsen des einzelnen Geschäftsmannes, als er dein "Stuttgart 21 - nein danke" mustert. Du kennst den Typus, wäre er mit seinesgleichen hier, würde er sich bereits lautstark über die Versager und ewig-gestrigen Ärsche lustig machen, denen jetzt endlich mal gezeigt wird, dass "wir" trotzdem bauen. Aber ausnahmsweise einzeln: traut er sich nicht, oder wäre er sogar gesprächsbereit?

Geld kommt an

Du willst es natürlich wissen, fragst extra höflich "darf ich Sie drauf ansprechen, ob Sie bereit sind, immer mehr Milliarden zu zahlen?"

Da kommt endlich auch mal was bei uns an. Ja, bei uns Stuttgartern kommt was an, die wir sonst ständig an andere verteilen, an die Griechen, an die Norddeutschen; da fließt endlich auch mal was Geld in unsere Richtung, aber ihr Neinsager, ihr wollt wieder alles kaputt machen.

Du registrierst, dass es ihm nicht als Kaputtmachen gilt, wenn die DB einen bestfunktionierenden Bahnhof abreißt, vor allem aber, dass seine Aussprache eher "auch ma' was" und "Neinsaacher" war. Stuttgarter? Egal, du kannst ihn ohnehin nicht unterbrechen.

Da wird hier endlich mal was renoviert, ja, was richtig neu gebaut, aber ihr dumpfbackenen Technikfeinde wollt lieber zurück in die Steinzeit.

Du willst anfangen "äh bin selber Techniker...", findest aber kein Gehör.

Allein schon wie die Züge von Norden her nach Stuttgart reinschleichen, das ist doch ein Skandal, vor allem da bei Kornwestheim und Zuffenhausen.

Eine U-Bahn fährt ein, in die Ablenkung hinein gelingt dir zu sagen "Ja genau das will ich ja, dass die Bahn VERNÜNFTIG die Langsamfahrstrecken beseitigt, und wenn Bahnhof, dann richtig leistungsfähig."   Er rennt von dir weg, um an einer andern Tür einzusteigen als du, schreit dir über die Schulter zu:

Und ewige Nörgler seid ihr auch.

 

Blick aus Schlossplatzmitte zum unteren Teil der Kunstmuseum-Treppen

(demnächst mehr)

 

herbstlicher Baum
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