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Blick vom Schlossplatz Stuttgart auf Dach-Silhouette mit goldener Merkur-Statue

 

Regentin Engelhaar

Regentin Engelhaar herrschte über das Sonnensystem Zentralmittelropa vom Großen Bärlein aus. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht hatte sie kurzerhand den ganzen Planeten zum Regierungssitz erklärt, und da beide Monde nun innerhalb der Bannmeile lagen, war sie elegant gleich zwei ihrer Widersacher losgeworden: die Pädagogie-Streiter vom Montessori-Mond und die Fair-Handler von Luna Gandhi, beide drohten revolutionäre Änderungen einzufordern.

Natürlich hatte Engelhaars Regierung, wie auch ihre Vorgänger, also ihre Großväter, in irgendwelchen Sonntagsreden versprochen, das Bildungssystem auszubauen und überhaupt mal sowas wie Ausbildung auf allen Planeten zu gewährleisten. Aber nun zu verlangen, dass die Regierung etwas unternähme, und dann auch noch genau das, was die Regierungschefin versprochen hat, das war ja gradezu Staatszersetzung, was die vom Montessori-Mond da anzettelten. Noch unverschämter waren die Fair-Handler, die sich doch tatsächlich erdreisteten, den etwas 'unsymmetrischen' Handel mit den Dritten Sonnensystemen zu kritisieren. Und so brauchten die selbsternannten Pädagogie- und Handels-Spezialisten sich wirklich nicht zu wundern, auf einem völlig unbekannten Planetchen zu landen, weit draussen, grade noch so im Orbit der Zentralsonne.

Der Regierungsantritt von Engelhaar war gottgewollt. Gegen ihre Konkurrenten konnte sie als strahlende Energieexpertin glänzen, und wie der Himmel es wollte kam es damals zu einer Serie von Stromausfällen, die mehrere Planeten in Dunkelheit hüllten, zufällig an Tagen, wo Engelhaars Rivalen große Auftritte mit Live-Übertragungen geplant hatten.

Die beiden großen Tages-Medien hießen zwar altmodisch Planeten-System-Nachrichten und Planeten-System-Zeitung, aber natürlich erschienen sie schon längst auf Hyperrealem Papier, oder wahlweise als Einspiegelung in die Realitätsverstärkende Brille, darin waren sie ja unterstützt worden mit Millionenkrediten der Bank, deren Vorsitz Engelhaars Vater innehatte.

Und beide, die PStN und die PStZ, reagierten damals in Sekundenschnelle. Sie hoben auf die ungeheure Sachkompetenz der Energieexpertin Engelhaar ab. Und sie wurden nicht müde zu betonen: es gibt nur eine, die solche Energie-Probleme lösen kann, wie sie jetzt zu Tage treten. Und selbstverständlich hatten die Einheitlich Betriebsenergetischen Werke unter der Leitung von Engelhaars Onkel damit überhaupt nichts zu tun.

Dass Engelhaars Regierung Bestand hatte, war nicht nur den Göttern, sondern auch ihren besonderen Fähigkeiten als Powernetzwerkering zu verdanken. So hatte sie eine Reihe von Subregenten installiert, die vor allem auf den äußeren Planeten immer wieder nachhalfen, damit das Volk nicht vom Glauben (an sie) abfiel, und wenn doch, dann halt auch vom Planeten.

Bloß auf diesem völlig unbekannten, wie-hieß-er-doch-gleich, auf der sonnenfernsten Umlaufbahn, da wars für den Subregenten etwas schwieriger: wohin sollte er die Verbannten verbannen?

Immerhin hatte er sich eine Reihe von Argumentationsketten zurechtgelegt. Beispielsweise bei steigender Aufmüpfigkeit wurde die Bevölkerung ganz leicht besprüht, und wenn in den dabei entstehenden kleinen meterhohen Pfützen der eine oder andere ertrank: ja wäre er brav zuhause geblieben, könnte er dort Regenwald- oder Pädagogik-Bücher lesen soviel er wollte.

Aber statt eingeschüchtert daheim zu hocken, zeigten sich die Leute immer erfinderischer darin, wie sie sich über den ganzen Planeten hinweg besuchen, ja sogar miteinander sogenannte 'Konzepte' diskutieren konnten. Engelhaar und ihre Subregenten hatten das anfangs allenfalls als lächerliche Randnotiz wahrgenommen, wenn überhaupt. Lästig, dass immer noch 'Ideen' dabei waren, die letztlich den Regierenden den Weg weisen wollten. Aber dass manche dieser Konzepte inzwischen zu ausgewachsenen Erfindungen führten, wurde langsam zum Problem. Dieser Planet, wie-nannten-sie-ihn-gleich, Mit-Öko-Was-Am-Hut-Gart oder so, brachte inzwischen sogar Artikel wie Energiespar-Leuchten auf den intergalaktischen Markt. Bei Engelhaar war prompt eine Anfrage der Einheitlich Betriebsenergetischen Werke eingegangen, was wohl die Götter dazu sagten, wenn die EhBW die Energie-Ausschöpfung eines Tages würde drosseln müssen, nur wegen ein paar närrischer Erfindungen aus dem allerhintersten Orbit.

Da erkannte Engelhaar es sofort als Zeichen der Götter, als auf ebendiesem, wie-war-der-offizielle-Name, sowas wie Plutonuttgart oder so, als ebendort ein alter Bauplan für einen Durchgangs-Raumhafen auftauchte.

Unverzüglich ersetzte sie den Subregenten durch einen, der ihr noch treuer ergeben war, mit Ehrenname Grabus, der auch genau wusste, was sie den Göttern in Sachen Energie-Förderung schuldig war, und der so nebenbei den veralteten Raketen-Landeplatz 'umzubauen' begann in einen Durchgangs-Raumhafen. Argumente hierfür fanden sich leicht, zum Beispiel sollte eine Raumfähre nach der Landung, ohne irgendwelche Wendemanöver, einfach gradaus weiter wieder starten können. Klar doch, dass dies am Rande des technisch machbaren war, denn in Anbetracht der siebzehn Monde kam nur eine 'innerplanetarische' Lösung in Frage: der Hafen musste in der Mitte einer großen Öffnung untergebracht werden, die quer durch den ganzen Planeten gehen sollte. Dieser Plan schlug so viele Fliegen mit einer Klappe, das war genial.

Während der Bauzeit ergäbe es sich ganz von selbst, dass diese aufmüpfigen Bewohner ihre Handelsbeziehungen einschränken mussten, auch ihre gegenseitigen Besuche und 'Konzepte'. Und hinterher wäre dieser alte oberirdische Raumhafen natürlich nicht umgebaut, sondern schlicht Baugebiet. Und Grabus würde ganz besonders darauf achten, dass diesmal keine Klein-Erfinder hier bauen, sondern die wirklichen Profis vom Energiereichen Christlichen Einkauf. Auf die war Verlass, in ihren Leitungsgremien saßen Engelhaars Schwestern. Der Spitzname dieses sonnenfernen, wie-hieß-er-gleich-noch, egal, jedenfalls, als Spitzname dieses Kleinplaneten würde sich 'Kaputtgart' durchsetzen.

Vollauf zufrieden mit ihrer weitsichtigen Planung trat Engelhaar vors Volk und gönnte sich, sozusagen als Krönung ihrer Karriere, etwas noch nie Dagewesenes anzukündigen:

Sie werde sich nun von der Bevölkerung des Sonnensystems wählen lassen, weil sie, als umsichtigste aller Regenten der Galaxie, sich fortan Regentin von Gottes und von Volkes Gnaden zu nennen gedenke.

Vielleicht wäre sie vom Niedergang verschont geblieben, hätte sie am Morgen ihres großen Auftritts aufs hyperreale Papier der PStZ geschaut, vielleicht hätte sie auf ihre Wahl-Ankündigung verzichtet, angesichts dessen was auf diesem Kleinplaneten da draußen passierte. Aber dann wäre das hier kein Märchen, wo es kommt wie es kommen muss, ihr könnts euch schon denken, lasst es uns kurz halten:

Auf Kaputtgart hatten die Leute bereits erkannt, was ihnen da alles kaputt gemacht werden sollte. Tatsächlich brach durch ihre Proteste so manches zusammen, nicht ihr Erfindungsreichtum, wohl aber die Subregentschaft des Grabus. Und wie die Engelhaar-Wahl ausging, könnt ihr euch ja denken.

 

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