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Blick vom Schlossplatz Stuttgart auf Dach-Silhouette mit goldener Merkur-Statue

 

Kraichgau

Ich wuchs auf und versuchte fürs Leben zu lernen in Oberderdingen. Das ist eine recht große Gemeinde, aus Stuttgarter Sicht gleich hinter Mühlacker, am Beginn des Kraichgau, und zwar wirklich an der Kraich gelegen, die wieder zu einem schönen Wasserlauf wurde/wird, auf den die Leute stolz sind.

Seit einigen Jahren arbeite ich (und versuche zu leben) in Stuttgart. Das ist aus Derdinger Sicht eine recht groß geratene Stadt gleich hinter Pulverdingen, angeblich im Neckartal, naja, eher am Nesenbach, dessen sich die Leute offenbar so schämen, dass sie ihn versenkt haben, sogar unterhalb der U-Bahn, bisher acht Meter tief.

Neuerdings wollen sie ihn zusätzliche zwanzig Meter tiefer legen, damit für einen tiefergelegten Bahnhof eine gigantische Baugrube entstehen kann, wodurch dann wohl, Jahrzehnte später, das Ansehen der Stadt höher steige.

Anfangs hielt ichs in dieser Kessel-Stadt nur aus, indem ich meinen halb-badischen Migrationshintergrund vor mir her trug und die Stuttgarter ein bisschen belächelte, auch wegen ihrer Bahnhof-Verbuddel-Pläne. Glaubten die im Ernst, durch überteuertes parkzerstörendes Gleisvergraben irgendeinen Blumentopf zu gewinnen?

Als dieser OB gewählt wurde, der sich inzwischen als Tieferlegungs-Visionär bezeichnet, hatte ich ja noch nicht das Wahlrecht, weil frisch zugezogen, was ich schade fand, aber ich wurde voll entschädigt durch diese märchenhafte Verwandlung eines nüchtern rechnenden, Bürgerentscheids-offenen OB-Kandidaten zum losgelösten Fanatiker, dem nach eigenen Worten nicht die zukünftige Streckenführung, sondern vor allem die Abriss-Pläne ganz toll erschienen, und dies nicht etwa bei einer Zugfahrt, sondern bei einem Hubschrauber-Rundflug.

Aber Leute, glaubt mir, ich erinnere mich sehnsüchtig zurück, als ich in Oberderdingen eine Party im Freien plante und deshalb auf dem Rathaus vorbei schaute. Da kam zufällig der Bürgermeister gleichzeitig an, setzte sich kurz zu mir, und beantwortete meine Fragen.

In Stuttgart hingegen ist zeitweise der Haupteingang zum Rathaus verrammelt, und wenn ihr meint, mit dem Landtag vor der Haustür bekäme ich die Volksnähe der Parlamentarier und der Regierung zu spüren:

ja, manchmal krieg ichs voll ab. Mein wichtigster Fahhradweg ist immer mal wieder komplett gesperrt, weil die Regierenden Angst vor ihren Wählern haben, und dann halt mal kurzerhand den gesamten oberen Schlossgarten von einigen Hundertschaften abriegeln lassen.

Dass es natürlich noch viel dicker kommt, und zwar für Jahrzehnte, falls die gigantischen Baugruben tatsächlich ausgehoben werden, brauche ich nicht zu erzählen, das war ja in allen Medien.

Ich frage mich halt: Wird diese Stadt es schaffen, zu dem zu stehen, was ihren besonderen Reiz ausmacht, weltoffene Gemütlichkeit, gelegentlich sogar kosmopolitische Bedächtigkeit, ohne Größenwahn?

Dann würde sie zu einer europäischen Großstadt, zu der die Leute aus den Nachbarländern HIN-fahren, statt statt dran vorbei oder unten durch, und zwar mit dem Zug statt mit dem Auto; zugleich bliebe sie ein Zentrum, dem die anderen im Land sich verbunden fühlen, ohne Angst haben zu müssen, dass dort beispielsweise die Einkaufsfläche und die Zahl der Läden verdoppelt wird, wodurch natürlich so mancher kleinere Laden zumachen kann in Städten wie Bretten, Mühlacker, Heilbronn, Bietigheim, Vaihingen... (Sicher sind auch größere und südlichere betroffen, deren 'Shopping-Meilen' ich aber nicht so gut kenne: von Ludwigsburg bis Pforzheim, von Böblingen und Sindelfingen bis Esslingen, Plochingen, Göppingen, Geislingen, sogar am oberen Neckar wird es zu spüren sein, wenn Stuttgart an doppelt viele Kunden verkaufen will.)

Ein erster Schritt zu einem Stuttgart, das sich MIT statt GEGEN die Region entwickelt, wäre eine Landesregierung, die nicht die Stadt gleich auch noch mitbeherrschen will, in selbstgefälliger Selbstbedienungs-Mentalität, die ich, trotz aller Lächerlichkeit, einfach nicht mehr lustig finde.

 

herbstlicher Baum Blick aus Schlossplatzmitte zum unteren Teil der Kunstmuseum-Treppen
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